Ein typischer Schlachttag und Auswahl der Tiere für unsere Wurstwaren.

Irgendwann ist es dann soweit. Normalerweise haben der Max und ich schon ein Großteil der Tiere im Auge, die wir auswählen, wenn wir die sogenannten Brackschafe raussuchen. Der Ausdruck “Brackschafe” klingt nicht eben freundlich, ist aber der, den wir aus unserer Berufsausbildung als Tierwirt/in Schäferei mitgenommen haben. Ein bis zweimal im Jahr wenden wir uns den Tieren zu, die unsere Herde verlassen müssen. 

Dazu bauen wir ein schmales Gatter auf, durch das wir die Herde treiben und uns ermöglicht, jedes Tier einzeln zu betrachten und in Ruhe zu untersuchen.  Ein Schaf nach dem Anderen läuft durch den schmalen Behandlungsgang,und der erste Blick fällt dabei auf die gelbe Marke im Ohr. Auf der ist die sogenannte Einzeltierkennzeichnung vermerkt. Die Länderkennung DE gefolgt von 0108 für einen Nummernkreis und das Bundesland Baden-Württemberg. Dann eine achtstellige Nummer. In Gänze identifiziert die Einzeltierkennzeichnung jedes einzelne Schaf in Europa. Über eine Datenbank, die Hi-Tier (kurz HiT) lässt sich im Prinzip so der Werdegang eines jeden Schafes in Europa nachvollziehen. 

Wir sind verpflichtet, jedes Tier über 8 Monate, oder 12 Monate (wenn es schon als Lamm zur Schlachtung vorgesehen ist) mit einer Einzeltierkennzeichnung zu versehen. Danach müssen wir genauestens Buch führen, was mit dem Tier geschieht und wann es die Herde wieder verlässt. So lässt sich im Seuchenfall genau nachvollziehen, welches Tier, zu welcher Zeit, in welchem Betrieb gewesen ist. Ein kleiner Mikrochip auf der Rückseite ermöglicht das elektronische Auslesen der Nummer. 

Fast alle Ohrmarken der Tiere unserer Herde haben wir selbst gesetzt, manche sind vor über einem Jahrzehnt gesetzt worden. Da ich die Herde schon in meiner Berufsausbildung begleitet habe, kann ich manchmal anhand der Ohrmarken zumindest grob das Alter der Tiere bestimmen. Manche Nummern kommen mir bekannt vor. Heute gilt unsere Aufmerksamkeit aber einer kleinen Kerbe in der Ohrmarke. Ein kleiner Zacken oder eine rund augeknippste Einwölbung, die wir im Jahresverlauf aus der Ohrmarke herausgeschnitten haben. Diese Markierung identifiziert das Schaf für uns eindeutig als Brackschaf. 

Wir setzen die Kerben in der Ohrmarke, wenn wir im Alltag feststellen, dass ein Schaf nicht mehr in der Lage ist, uns noch lange auf unserer Reise zu begleiten. Manchmal sind es durchtrittige Schafe, also Schafe, deren Fesselgelenke zu stark gedehnt sind und bei denen die über die Jahre ausgeleierte Bänder im Fußgelenk dazu führen, dass sie nach langen Märschen schmerzen haben und lahmen. Manchmal hat ein Blick ins Maul uns verraten, dass ein Schaf nicht mehr genügend Zähne hat, um kurzes Gras in großen Mengen sauber abzubeißen. Manchmal weist uns ein größerer Knubbel im Euter darauf hin, dass ein Schaf nach einer abgeheilten Euterentzündung während der Säugezeit, in Zukunft nur noch auf einer Seite Milch geben wird. 

Immer wenn wir eine solche Kerbe in der Ohrmarke finden, greifen wir zu einer Spraydose mit Farbspray und machen eine dicke Markierung auf dem Kopf der Schafe. So lassen sich die Schafe für ein paar Wochen, leicht in der Herde wiederfinden. Vorsichtig versuchen wir mit der Farbe nur den Kopf, nicht aber den Rücken des Schafes zu markieren. Der Grund ist, dass sich zu dick aufgetragene Farbe bei der Gerbung der Felle nur schwer auswaschen lässt. Jedes nun mit Farbe markierte Schaf, wird in den kommenden Monaten geschlachtet. Die Farbe am Kopf der Tiere, ist ihr Todesurteil. 

So schwer es uns auch fällt, bei einem Tier zum Farbspray zu greifen, eine jede Markierung ist immer gut überlegt und abgewogen, mit voller Überzeugung gemacht. Alle Tiere die keine Kerbe im Ohr haben, bei denen wir die Entscheidung also nicht schon im Vorfeld getroffen haben, werden beim “Ausbracken” genauer untersucht. Eine Griff in die Wolle am Rücken verrät uns den Ernährungszustand des Tieres, ein Blick ins Maul gibt Auskunft über das Alter und Anzahl der Zähne, ein Griff ans Euter verrät, ob die Tiere voraussichtlich noch auf beiden Euterseiten Milch geben werden. Ist eine der Euterhälften nicht in Ordnung, wissen wir, dass das Schaf in Zukunft nur noch ein Lamm mit Milch versorgen kann. Nicht immer steht uns dann aber eine Mutter zur Verfügung, die das zweite Lamm für sie aufziehen könnte. Das Risiko ist groß, dass die neue Mutter das “untergeschobene” Lamm dann nicht annehmen wird. Da gut die Hälfte unserer Schafe aber zwei oder mehr  Lämmer bei ihrer nächsten Schwangerschaft austragen werden, wären zu viele Lämmer in ihren ersten Lebenswochen nur schlecht oder überhaupt nicht mit Milch versorgt. Sie würden die ersten Tage und Wochen nicht überleben oder wären zu schwach uns über viele Jahre als Mutterschaf oder Hammel bei der Herde zu begleiten. 

Ein solches Risiko möchten wir nicht eingehen. Ist ein Schaf voraussichtlich nicht in der Lage auch wirklich zwei Lämmer mit Milch zu versorgen, bekommt es jetzt die Kerbe und den dicken Farbfleck auf dem Kopf. 

Am Ende des “Ausbrackens” stehen meist 50-60 markierte “Brackschafe” in der Herde. Oft greife ich direkt nach der Aktion zum Handy und rufe unseren Metzger Marco Allmendinger an. “Wir brauchen 6 Schlachttermine für jeweils 10 Schafe.” Marco überlegt kurz, bestätigt das und sagt er werde mir die Einzelnen Daten dann per WhatsApp schicken. Immer Freitags ist ein Schlachttermin möglich. Für 60 Schafe machen wir 6 Termine von Oktober bis Februar. Mehr als 10 Tiere kann die Metzgerei Allmendinger an einem Schlachttermin nicht verarbeiten. Oft dauert es dann noch 4-6 Wochen bis der erste Schlachttermin dann wirklich stattfindet.  

Irgendwie ist die Zeit dazwischen dann die, sich von unseren Brackschafen zu verabschieden. Die nun gut sichtbaren Tiere sind uns nicht unbekannt. Manchmal sind auch Schafe dabei, die wir über die Jahre sehr lieb gewonnen haben. Manchmal haben sie einen Namen bekommen. Es sind aber auch Tiere dabei, bei denen wir die Entscheidung vermutlich schon etwas zu lange aufgeschoben haben.  

Trotz der vielen Jahre Routine, ist es nie leicht, eine Entscheidung über Leben oder Totd von einem Tier zu treffen. Ausnahmen, wenn uns ein Schaf zum Beispiel besonders am Herzen liegt, werden sich meist im kommenden Winter rächen. Möglicherweise werden die Tiere dann zunehmend schwächer, die beschwerliche Reise macht den zu alten oder mageren Tieren mitunter dann schwer zu schaffen. Manchmal sehen wir auch, wie sie ganz langsam zu leiden beginnen. 

Haben wir einen solchen Fehler gemacht, bleibt uns nur noch die Nottötung um das Tier zu erlösen. Spontane Schlachtungen sind nur selten möglich, erkrankte Tiere sind von der Schlachtung ausgeschlossen. Alter, verlorene Zähne oder kaputte Füße lassen sich aber nun mal nicht heilen. Ein Schaf in der Herde mit einem Bolzenschuss zu betäuben und anschließend zu töten erspart ihnen zwar die Fahrt zum Metzger, die Zeit davor ist aber immer auch von einem gewissen Maß an Leid geprägt. Die Nottötung ist uns nur als allerletztes Mittel erlaubt. 

Vorbereitungen zur Schlachtung 

Aktuell beginnt der Schlachttag bei uns schon am Tag vor der Schlachtung. Marco Allmendinger teilt uns die Uhrzeit für die sogenannte Lebendbeschau durch den Tierarzt mit. Danach bereiten wir unseren großen Viehanhäger vor, alles wird gründlich gereinigt und wir streuen ihn reichlich mit Stroh ein. Danach überlegen wir uns einen günstigen Platz, an dem wir die Herde gut mit dem Anhänger erreichen können. Dann machen wir eine Uhrzeit am späten Abend aus und wenn der Max und ich uns an dem Tag nicht beide um die Herde kümmern müssen, treffen wir uns in der Regel kurz vor Sonnenuntergang bei der Herde. Etwas Puffer planen wir immer ein, um genügend Zeit zu haben und die Tiere nicht in der Dunkelheit herausfangen zu müssen. Wir haben die Größe unseres Anhängers so gewählt, dass die Tiere auch über Nacht im Anhänger verbringen dürfen. Zwar ist das nicht optimal, aber aktuell für uns die beste Lösung. Die Tiere separat unterzubringen wäre nur mit einem Stall möglich, oder wir müssten noch in der Dunkelheit die Tiere aus aufgestellten Gattern in den Hänger treiben. Da die Tiere bis zum Abend gefressen haben, sind sie wie unsere anderen Schafe gut für die Nacht versorgt. Im Herbst ist es kühl genug, damit den Schafen im Anhänger nicht zu warm wird. Die offenen Seitenklappen sorgen für reichlich frische Luft. 

Zu Beginn unserer Direktvermarktung und den Schlachtungen bei der Metzgerei Allmendinger haben wir lange überlegt, ob die Lösung mit der Übernachtung im Anhänger sich nicht auch anders lösen ließe und einiges ausprobiert. Wir haben versucht die Tiere sehr früh am Morgen rauszufangen. Da das aber Morgens nochmal ein zusätzlicher Stress ist und die Schafe stets gemütlich im Anhänger gelegen haben, ohnehin über Nacht oft sehr dicht zusammenliegen, haben wir uns erstmal für diesen Weg entschieden. Etwas Rechnerei hat ergeben, dass das zwar ungewöhnlich, aufgrund des Platzangebotes, der Anzahl der Tiere und der Zeit im Anhänger aber erlaubt ist. Tatsächlich haben sie sogar deutlich mehr Platz als vorgeschrieben. Zudem steht der Anhänger ja über Nacht fest an einem Ort und ist nicht in Bewegung. Nach der kurzen Aufregung durch das aus der Herde fangen, legen die Schafe sich meist einfach hin und beginnen mit dem Wiederkäuen. 

Steht der Anhänger zur verabredeten Zeit am richtigen Ort, rufen wir die Herde zusammen und lassen einen unserer Hunde um die Herde kreisen, so dass die Schafe sich eng zusammendrängen. Auch bei unserer ganz alltäglichen Arbeit gehen wir so vor. Viele unserer Schafe sind scheu und lassen sich nicht so leicht einfangen. Stehen sie eng zusammen, können wir sie mit der Hand oder einem Fanghaken leicht einfangen und gegen Krankheiten behandeln, sie untersuchen oder eben zum Anhänger bringen. Da die Schafe sich gegen das ziehen und schieben zum Anhänger wehren, ist das oft eine ziemlich anstrengende teils auch grobe Angelegenheit. Die um die 110kg schweren Tiere müssen meist zu zweit aus der Herde in den nahen Anhänger gebracht werden. Tür auf, Schaf hineingehoben, Tür zu und die Sache ist erledigt. Für alle Beteiligten keine besonders angenehme Tätigkeit. Manche Schafe können furchtbar stur sein und wissen ihr Gewicht einzusetzen. Trotzdem ist die ganze Sache dann meist nach 15-20 Minuten erledigt. Alle 10 Schafe stehen im Anhänger. Durch die Farbe konnten wir sie schnell herausfangen, haben den aktuellen Gesundheitszustand überprüft und im Grunde ist die Sache dann auch nicht unangenehmer als zum Beispiel der Pflegeschnitt der Klauen. Etwas Herumgezerre und ein paar markige Flüche durch uns Schäfer, bei den besonders sturen Tieren und die Sache ist erledigt. 

Wir bringen den Anhänger dann direkt von der Herde weg und bereiten ihn für die Nacht vor. Alle Einzeltierkennzeichnungen werden für die Transportpapiere und die Dokumentation rasch aufgeschrieben, alles bereitgelegt, abgeheftet und eine zusätzliche Erklärung über den Gesundheitszustand der Tiere, möglicherweise vergangene Tierseuchen, den Namen und die Kontaktdaten der behandelnden Tierärztin eingetragen. Ganz wichtig, es wird für jedes Tier bestätigt, dass die vorgeschriebenen Wartezeiten für Behandlungen mit Medikamenten korrekt eingehalten wurden. Die Wartezeiten für Medikamente werden für jede Tierart, jedes Medikament und jeweils für den Verzehr von Fleisch und Milch separat erhoben und gehören zum Zulassungsverfahren für Tierarzneimittel. In Studien muss nachgewiesen werden, wie lange Arzneimittel in Milch oder Fleisch nachweisbar sind. Danach wird eine Zeit (zum Beispiel 14 Tage) festgelegt, die zwischen der Behandlung und der Schlachtung von Tieren mindestens liegen muss. Im Biobereich müssen diese Zeiten nochmal verdoppelt werden. 

Der Schlachttag 

Am nächsten Morgen geht es dann sehr früh los. Die Tiere werden alle nochmal angeschaut und der Kaffee wird getrunken, während das Auto etwas warm läuft. Anschließend treten der Max oder ich, meist abwechselnd, die letzte Reise mit den Tieren an. Wir machen das beide nicht gern und teilen uns das dann einfach auf.  

Schon während der Fahrt stellt sich bei mir dann immer eine Art professioneller Härte ein. Über die Jahre habe ich hunderte vermutlich sogar tausende Schafe auf diese Art zum Schlachten gefahren. Während ich mich morgens normalerweise über die schöne Gegend, den Kaffee oder meinen hübsch eingeheizten Bauwagen freue, ist der Tag der Schlachtung immer eher trübe für mich. Nach etwa 45 Minuten manchmal 1 Stunde habe ich dann die Metzgerei erreicht. Ich fahre ohnehin recht gemütlich, mit Schafen im Anhänger geht die Sache aber immer noch etwas gemütlicher von statten. Sind wir angekommen, ist normalerweise schon der Tierarzt vor Ort und überprüft den Gesundheitszustand aller Tiere, die ausgefüllten Papiere werden kontrolliert und ein Stempel für die Freigabe der Tiere zur Schlachtung gesetzt. Danach fahre ich langsam zum Schlachtraum in dem die zwei Metzger in der Regel schon bereit stehen oder mit den Vorbereitungen beschäftigt sind.  

Schlachträume sind irgendwie immer kalte, vollständig geflieste und von viel Metall und Edelstahl geprägte Räume. Alles ist auf Hygiene ausgelegt und eine Tür trennt den Schlachtraum von den Räumen zur Weiterverarbeitung, Lagerung und Kühlung der Tierköper. Neben der Härte macht sich jetzt auch die Anspannung bei mir breit. Rückwärts fahre ich an den Schlachtraum heran, bis mir ein Ruf von hinten signalisiert, dass der Anhänger dicht genug am Schlachtraum steht. 

Ich mache den Motor unseres Pickups aus und ziehe mir einen Kittel und  die Gummistiefel über, die ich auf dem Beifahrersitz bereit gelegt hatte. Die Sache wird blutig werden. Dann mache ich mich auf dem Weg nach hinten und quetsche mich zwischen dem Anhänger und der Tür zum Schlachtraum durch. Der Abstand ist so gering, damit die Schafe nicht weglaufen können, wenn mir doch mal eines entgleiten sollte. Im Schlachtraum stehen die zwei Metzger in ihren weißen Plastikschürzen. “Guten Morgen” meint einer der beiden. Ich lächele schüchtern und erwidere den Gruß. Jetzt kann ich meine allgemeine Unsicherheit nicht mehr so recht verbergen und stammele etwas in Richtung der beiden Metzger. Im Kopf bin ich schon mit der Schlachtung unserer Tiere beschäftigt. 

Der Ältere der Beiden läuft nach hinten und holt das Bolzenschussgerät aus einem kleinen Köfferchen und dreht es auf. Dann greift er zu einer Platzpatrone und schiebt sie in das Bolzenschussgerät. “Zwei”. Das war mein Signal. Meine Anspannung weicht einer Art Automatismus und ich öffne die Tür vom Anhänger einen Spalt breit. Der zweite Metzger stellt sich neben mich und greift zur Tür um sie im Notfall schnell wieder schließen zu können. Vor allem, wenn ich beide Hände für das Schaf brauche. Er lächelt freundlich. Ein junger Kerl, der selbst Schafe hat und mit dem ich mich auf einer Messe mal länger unterhalten habe. Ich mag seine freundliche Art und ich mag es, wie er über Schafe denkt. 

Meine Muskulatur spannt sich an und ich greife nach dem Hinterbein des ersten Schafes. Dann ziehe ich es kräftig an mich heran und greife mit der zweiten Hand an den Kopf, um so das ganze Schaf rückwärts zu mir zu ziehen. Ich arbeite mit Kraft und sehr bestimmt. Es ist wichtig, dass ich dem Schaf klar signalisiere, dass es keine Möglichkeit hat sich zu wehren. Dann fügt es sich eher und versucht sich nicht gegen meinen Griff zu wehren.  

Mit dem Hintern zuerst ziehe ich das Schaf aus dem Anhänger und schließe mit einer Hand die Tür, um die anderen Schafe daran zu hindern, uns zu folgen. Der jüngere der beiden Metzger steht noch immer neben mir und hält ebenfalls die Tür. Er schließt sie ganz. Dann drehe ich das Schaf herum, so dass es mit dem Kopf in Richtung des Schlachtraums blickt. Ich schiebe es etwas vor um dichter an den Abfluss zu kommen, durch den das Blut später abfließen wird. 

Das Schaf steht jetzt ganz ruhig. Es ist verängstigt durch meinen festen Griff, bleibt aber stehen. Ich lockere meinen Griff und versuche den Kopf etwas anzuheben, ohne dabei eine Hand ganz unter den Kopf zu legen. Wir brauchen einen gewissen Gegendruck, damit das Bolzenschussgerät sicher seine Wirkung tun kann. Ich muss aber auch darauf Acht geben, dass es mich beim Abrutschen durch eine unvorhergesehen Bewegung des Schafes, nicht verletzen kann. Das Schaf entspannt sich etwas und der ältere Metzger legt das Bolzenschussgerät in einer schnellen Bewegung am Kopf an. Wartet einen Moment und drückt ab. Die Platzpatrone löst aus und treibt den Bolzen in den Kopf des Schafes. Im gleichen Moment sackt es schwer zusammen. Ich lasse es einfach fallen. Der jüngere Metzger und ich ziehen das Schaf ein klein wenig näher an den Abfluss. Dabei klopfe ich vorsichtig auf ein offenes Auge. Es bleibt offen und ich berühre mit dem Finger den durchsichtigen Augapfel, ohne dass das Lied sich schließt oder eine Reaktion zeigt. Keine Reflexe. Es ist bewusstlos und wird von dem kommenden nichts spüren. Während ich mich noch erhebe, greift der jüngere Metzger zum Kopf des Schafes und sticht mit einem Messer unter den Ohren in den Hals. Dann zieht er das Messer schnell nach vorn und es beginnt zu ströhmen. Schnell und kräftig stoßend fließt das Blut aus der Wunde am Hals. Das Herz pumpt alles aus dem Körper. Kaum zwei Sekunden später wird das Stoßen schon schwächer und es hat sich bereits eine große Blutlache gebildet. Der Körper des Schafes beginnt zu zucken. Dann schlägt es mit den Vorder- und Hinterbeinen aus. Gerade so, als wolle es davonrennen. Der Körper und die Muskulatur reagieren reflexartig. Der rasche Blutverlust aktiviert unterbewusst alle Fluchtreflexe. Die Nervenbahnen empfangen keine oder widersprüchliche Signale. Die ruckartigen Bewegungen spritzen das Blut, in dem das Schaf liegt, bis an die Wand und an einen Hochdruckreiniger, der in der Ecke steht.  

Nach 3-4 Sekunden werden die Bewegungen des Schafes schwächer. Ich wende mich wieder dem Anhänger zu und öffne die Tür, um nach dem zweiten Schaf zu greifen. Währenddessen wechselt der ältere der beiden Metzger die Patrone vom Bolzenschussgerät. Das gleiche Prozedere. Am Ende liegen die beiden Schafe still auf dem Boden. Ein Schauer durchzieht noch den Körper des zweiten Schafes. Wir stehen neben den Beiden Schafen und blicken auf sie herab und warten. Dann rührt sich nichts mehr. Sie sind beide endgültig tot. Bei lebenden Tieren nimmt man kaum bewusst wahr, wie facettenreich die Bewegungen eines Körpers sind. Wie vielfältig das teils minimale Spiel der Muskulatur ist. Gewichtsverlagerung, die Reaktion auf Berührungen oder den Wind der über das Wollkleid streicht, ständige Anspannung und Entlastung unzähliger Muskeln. Atmung, Zwinkern, leichte Hautirritationen, nichts davon ist nun mehr zu sehen. Die beiden Lebewesen, wirken nur noch wie Gegenstände auf den blutigen Fliesen. 

In die Metzger kommt jetzt Bewegung. Beide greifen zu je einem Schaf. Sie trennen die Hinterbeine an den Gelenken ab, machen schnelle Schnitte mit dem Messer und lösen die Haut vom Hinterbein. Ein Haken wird über dem Gelenk angebracht und mit einer Seilwinde werden die toten Körper nach oben gezogen. Fast synchron beginnen die beiden die Haut mit dem Messer abzuziehen. Jede Hand der beiden hat jetzt seine eigenen Aufgaben. Eine berührt nur das Messer und die Innenseite der Haut. Die andere darf auch die Außenseite berühren. Hygiene. Das Fleisch der Tiere darf nicht mit der Außenseite des Schlachtkörpers in Berührung kommen. Neugierig beobachte ich die Zwei, wie sie langsam beginnen, dass Fell der Schafe abzuziehen. Sie fluchen. Die kalte und durch den Morgentau klamme Wolle der Schafe lässt die eine Hand steif und unbeweglich werden. Die dicke Fettschicht der Schafe sorgt dafür, dass die Haut sich nur schwer vom Rest lösen lässt. Eine sehr anstrengende Aufgabe, die viel Kraft und vor allem Konzentration und Präzision erfordert. Das Fleisch muss immer sauber bleiben und das Messer birgt bei den steifen Fingern ein Verletzungsrisiko. Die Flüche scheinen mir eine Art Ventil. Am Ende hängen die zwei schweren Schlachtkörper ohne Fell am Haken. Der Bauchraum wird geöffnet. Die Innereien, Darm und Pansen fallen heraus und werden in einer großen Tonne an der anderen Seite des Schlachtraums entsorgt. Schlund, Lunge, Nieren und Leber verbleiben am Schlachtkörper teils zur späteren Untersuchung durch den Tierarzt, der die Schafe auch am Morgen untersucht hat. Die sogenannte Fleischbeschau. Bevor die Schlachtkörper nicht untersucht und freigegeben sind, dürfen sie nicht weiterverarbeitet werden. 

Am Ende hängen die geöffneten und leeren Schlachtkörper am Haken. Sie sind nur noch Fleisch. Die Seilwinde klemmt etwas beim folgenden hochziehen und beide werden auf eine Schiene umgehängt, die die Schlachtkörper durch einen Lamellenvorhang in den nächsten Raum befördern.  

Der Schlachtraum ist nun wieder leer und die Metzger, spritzen die Wände mit Wasser ab. Mit einem Schieber werden die Reste vom Blut zum Abfluss geschoben. Die beiden Felle der Schafe werden an die Seite gelegt. Ich werde sie später kräftig einsalzen und zur Gerbung mitnehmen. Die Metzger waschen ihre Hände, die Messer und der Ältere der Beiden läuft schließlich wieder zu dem kleinen Köfferchen am anderen Ende des Raumes.  

“Zwei!”. Ich setze mich wieder in Bewegung. 

Nach und nach hole ich so alle Schafe aus dem Anhänger. Alles geschieht in dem angespannten Automatismus. Manchmal erwache ich aus meiner Routine, wenn ein Schaf mir näher bekannt vorkommt, es gar eines meiner Lieblingsschafe ist. Dann streichele ich es vorsichtig, bevor es zu Boden sackt. Bedanke mich mit ein paar geflüsterten Worten für die gemeinsame Zeit. Ist dann alles vorbei, stehe ich müde und etwas verwirrt vor dem gereinigten Anhänger. Ich schlüpfe aus meinen blutverschmierten Gummistiefeln, bedanke mich bei den beiden Metzgern und stapfe zum Büro um alles für die Weiterverarbeitung abzusprechen.  

Dann sitze ich wieder im Auto. Es ist kaum halb 10 am Morgen und trotzdem bin eigentlich durch für den Tag. Max hat sich derweil um die Herde gekümmert und mein nächster Weg führt mich nach Hause. Zwischendrin halte ich nochmal beim Bäcker an. Hole mir einen Kaffee und versuche etwas Abstand zu finden. Meine Gedanken gehören jetzt noch immer den Schafen von denen ich mich verabschieden musste. Kein Gedanke an unsere Kunden, die fertige Wurst, unsere Vermarktung oder den Preis über den ich kurz zuvor noch mit Marco Allmendinger gesprochen hatte. Mir ist das alles jetzt egal.  

Ich bin froh, dass ich die Schafe noch bis zum letzten Atemzug begleiten konnte und sie nicht einfach bei einem Viehhändler auf einen LKW treiben musste. Leichter macht es das aber trotzdem nicht. Auch die Wertschätzung, die wir für unsere Arbeit inzwischen oft erfahren, hilft mir jetzt wenig. Meine Hose, mein Pullover, überhaupt alles hat noch den leichten Geruch, von warmen Fleisch. In der nächsten Woche wird sich der Max um die Sache kümmern. Ich werde derweil versuchen, mich bei der Herde etwas abzulenken. 

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Paula & Konsorten ist eine der wenigen Wanderschäfereien, die es in Deutschland noch gibt. Die Wanderschafhaltung ist eines der ältesten Gewerke der Menschheit und bis heute in weiten Teilen unverändert erhalten. Die Gesundheit der Herde, Fürsorge und ein enger Kontakt zu den Tieren steht im Zentrum unserer Arbeit. Schafe sind ideal auf das Leben in freier Natur angepasst und können bei uns ihren natürlichen Verhaltensweisen folgen. Zudem pflegen und erhalten wir mit unseren Sommerweiden eine enorm artenreiche Kulturlandschaft in der Region Ehingen an der Donau, Schelklingen und Allmendingen.

Die Wanderschäferei ist eine der letzten weitestgehend artgerechten Nutztierhaltungen unserer Zeit. Unsere Schafe können sich frei entfalten, ihren natürlichen Verhaltensweisen folgen und wählen ihr Futter immer selbst, aus dem abwechslungsreichen Angebot unserer Weidegründe. Der ständige Kontakt während der Hütezeiten garantiert einen ruhigen und vertrauensvollen Umgang.

Wir fördern und nutzen das instinktive Verhalten unserer Schafe, stellen sie vor Herausforderungen die sie bewältigen können und greifen dort ein, wo wir sinnvoll unterstützen können.

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Mit unserer Wanderschäferei erhalten wir insgesamt 135ha (1,35 Mio. m²) artenreiche Wacholderheide im Südosten der Schwäbischen Alb. Wir schaffen wertvolle Offenlandbiotope, tragen zum genetischen Austausch bei und stehen dabei auch nicht in Konkurrenz zu anderen Formen der Lebensmittelproduktion.

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